Italien zwischen Arroganz und Angst
Calcio ist in Italien Religion. Fussball lässt praktisch niemanden kalt und kann eine ganze Nation stolz machen – oder für eine Depression sorgen. Entsprechend wichtig ist am Dienstagabend das Barragespiel gegen Bosnien-Herzegowina, in dem es ums Ticket für die WM 2026 geht.
Italien ist eine ebenso stolze wie traditionelle und erfolgreiche Fussballnation. Das wird bei einem Blick auf die Statistik schnell klar. Vier WM-Titel stehen da, gewonnen in den Jahren 1934, 1938, 1982 und 2006. Das führt in der Bestenliste zu Rang 2, hinter Rekordweltmeister Brasilien (5) und gleichauf mit Deutschland. Dazu kommen die EM-Titel 1968 und 2021. So war es meist so, dass die Squadra Azzurra zu den Favoriten zählte, wenn sie an einem Grossanlass teilnahm.
Doch seit ein paar Jahren ist das Selbstverständnis des Siegens weg. Weit weg sogar, gerade wenn man die Weltmeisterschaften als Referenz nimmt. Die letzten Jahre waren für die italienischen Fussballfans entsprechend beinhart und nervenaufreibend. 2018 fehlte Italien an der WM in Russland nach einer Niederlage in den Playoffs gegen Schweden. Vier Jahre später mussten die Azzurri die WM erneut aus der Ferne verfolgen – in den Playoffs scheiterten sie an Nordmazedonien. Zweimal verfielen die Fans schon fast in Schockstarre. Schweden und Nordmazedonien als zu starke Gegner? Eigentlich unvorstellbar. Eine Schande.
2021 gab es dann dieses Zwischenhoch mit dem EM-Titel unter Coach Roberto Mancini ehe 2024 an der EM in Deutschland die Schweiz für Italien schlicht und einfach eine Nummer zu gross war. Remo Freuler und Ruben Vargas schossen die Tore bei diesem hochverdienten 2:0-Sieg im Achtelfinal und schickten Coach Luciano Spalletti und sein Team nach Hause. Spalletti blieb zunächst noch im Amt, wurde dann aber im vergangenen Juni nach einer 0:3-Niederlage gegen Norwegen zum Start in die WM-Qualifikation entlassen und durfte noch das folgende Spiel drei Tage später gegen Moldawien an der Linie begleiten, als Italien 2:0 gewann. Auf Spalletti folgte Gennaro Gattuso, Weltmeister 2006 und einst als Spieler und Spielertrainer beim FC Sion tätig, der mit dem Team die Playoffs erreichte und das Duell gegen ein ersatzgeschwächtes Nordirland dank einem 2:0-Sieg überstand.
So weit, so gut. Der erste Teil der Pflicht ist erfüllt. Doch nun muss am Dienstagabend auswärts die letzte Hürde übersprungen werden – Bosnien-Herzegowina, das in der ersten Playoff-Runde auswärts gegen Wales im Penaltyschiessen triumphierte. Die Favoritenrolle ist klar: Das Kader der Bosnier hat gemäss transfermarkt.de einen Wert von 127 Millionen Euro, die bei uns bekanntesten Spieler im Team des früheren Bundesligaprofis Sergej Barbarez sind wohl Captain und Routinier Edin Dzeko (40, Schalke), die Stürmer Haris Tabakovic (Gladbach) und Ermedin Demirovic (Stuttgart), Mittelfeldspieler Armin Gigovic (YB) oder Innenverteidiger Nikola Katic (ex FCZ). Allein die Aufzählung dieser Namen zeigt: Im Kader der Bosner steckt – zumindest in der Theorie – weniger Qualität als in jenem der Italiener, dessen Wert Transfermarkt mit 833 Millionen Euro beziffert.
Der Jubel von Dimarco
Das wissen natürlich auch die Italiener, die in der Weltrangliste mit Rang 12 weit besser klassiert sind als ihr Gegner (66). Und so sorgte Italo-Star Federico Dimarco nach dem Sieg gegen Nordirland für einen Skandal, als er gemeinsam mit Gugliemo Vicario und Pio Esposito sowie Mitgliedern des Betreuerstabs von der Rai dabei gefilmt wurde, wie sie das Elfmeterschiessen zwischen Wales und Bosnien-Herzegowina – den möglichen Gegnern im Playoff-Final – am Bildschirm verfolgten. Beim entscheidenden Elfmeter für Bosnien durch Kerim Alajbegovic jubelten die anwesenden Spieler, allen voran Dimarco.
Eine Szene, welche den Nationalspielern als Arroganz ausgelegt wurde und zu einem Shitstorm führte. Schliesslich kann man den Jubel problemlos so auffassen, dass die Italiener davon überzeugt sind, gegen Bosnien das WM-Ticket zu lösen. Kurioserweise kritisierten bereits Moderatoren und Experten, dass die Szene in der Live-Übertragung überhaupt ausgespielt wurde. Ein entsprechendes Video der Rai auf ihrem Instagram-Account wurde nach zahlreichen negativen Reaktionen in den Kommentaren offline genommen.
Das alles sorgte für Unruhe und so meldete sich Dimarco meldete sich am Samstag und wies die Vorwürfe entschieden zurück. «Ich hatte immer tiefen Respekt vor jedem Verein und jeder Nationalmannschaft. Unser Jubel war ein reiner Instinkt, wie unter Freunden beim Elfmeterschiessen», erklärte der Inter-Star. Kurz darauf habe er Edin Dzeko, Stürmer bei Bosnien und sein Teamkollege in Mailand, angeschrieben. «Ich habe ihm gratuliert, er mir auch, und er meinte: Möge der Beste gewinnen.» Mehr sei nicht vorgefallen. «Es hat uns eher überrascht, dass wir in einem Kontext gefilmt wurden, in dem auch Familienmitglieder, sogar Kinder, waren – ich halte das für respektlos», so Dimarco, der betreffend Arroganz noch sagte: «Wie könnten wir arrogant sein, wenn wir seit zwölf Jahren nicht mehr bei einer Weltmeisterschaft dabei waren?»
In der Tat, geht es für Italien darum, die Leidensgeschichte zu stoppen und nicht zum dritten Mal in Serie die WM zu verpassen. Dimarco erwartet eine hitzige Atmosphäre und sagt: «Wir wissen, dass es ein heisses Pflaster wird – die Bosnier haben denselben Willen wie wir, zur WM zu fahren. Wir werden alles tun, um es zu schaffen. Wir sind Italien, tragen Verantwortung, und wir haben es verdient.»
Aber auch die Bosnier sind von sich überzeugt. Stürmer Dzeko sagte nun: «Ich habe kein Problem mit diesem Video. Auch ich hätte lieber nicht gegen Italien gespielt.» Er wisse nicht, wieso die Italiener nicht in Cardiff spielen wollten, sie hätten ja dort auch gewonnen. «Italien ist vierfacher Weltmeister und hat eine wunderbare Mannschaft. Wenn sie diese Angst haben, in Cardiff zu spielen, dann stimmt etwas nicht. Sie werden auch gegen uns schwer leiden müssen. Es steht für sie nach zwei verpassten Endrunden derart viel auf dem Spiel, dass sie Angst haben!»