Audrey Werro: "Jeden Tag erkennt mich jemand auf der Strasse"
Innerhalb weniger Wochen hat sich die Wahrnehmung der Freiburgerin grundlegend verändert. Vor Stockholm galt sie als Schweizer Rekordhalterin und als Athletin mit kontinuierlicher Entwicklung. Nach Stockholm und Ostrava, wo sie die ihren Coup bestätigte, wird sie plötzlich in einem Atemzug mit den grössten Namen über 800 m genannt.
"Ein paar Kleinigkeiten haben sich geändert", sagte Werro vergangenen Freitag an einer von Athletissima organisierten Medienkonferenz in Lausanne. "Ich glaube, jeden Tag erkennt mich jemand auf der Strasse. Das freut mich und zeigt auch, dass die Leichtathletik über den Kreis der Eingeweihten hinaus Strahlkraft hat."
Die neue Aufmerksamkeit beschränkt sich längst nicht auf die Schweiz. Unter den zahlreichen Glückwünschen nach ihrem historischen Lauf erhielt Werro auch eine Nachricht von Caster Semenya. Die Südafrikanerin, zweifache Olympiasiegerin, dreifache Weltmeisterin und fünftschnellste 800-m-Läuferin der Geschichte, meldete sich direkt bei der Freiburgerin. "Sie hat mir auf Instagram geschrieben, um mir zu gratulieren. Das ist unglaublich und hat mich sehr gefreut", erzählte Werro.
Die Botschaft einer der prägendsten Figuren über die zwei Bahnrunden verdeutlicht, welchen Stellenwert die Schweizerin inzwischen erreicht hat. Werro gehört nicht mehr bloss zu den grössten Hoffnungen der Schweizer Leichtathletik, sondern zur absoluten Weltelite über 800 m.
Diesen Status holte sich die 22-Jährige am 7. Juni in Stockholm. Mit ihrer Zeit von 1:53,98 Minuten wurde sie zur drittschnellsten 800-m-Läuferin aller Zeiten und durchbrach als erste Frau seit 1983 und dem Weltrekord der Tschechin Jarmila Kratochvilova (1:53,28) die Marke von 1:54 Minuten. Neun Tage später beim Meeting in Ostrava siegte sie erneut und bestätigte ihre Ausnahmeform mit starken 1:54,45 Minuten. "Das zeigte, dass dies mein aktuelles Niveau ist. Das gibt mir viel Selbstvertrauen für die Zukunft", betonte die Romande.
In Ostrava traf Werro zudem Kratochvilova. "Wir haben ein Foto gemacht und ein paar Worte gewechselt", schilderte die Schweizerin das Treffen mit der 75-Jährigen. "Dieser Rekord motiviert mich. Und selbst wenn nicht ich ihn breche, macht das nichts."
Mittlerweile darf die 22-Jährige offen über die Bestmarke von 1:53,28 Minuten sprechen, ohne dass dies vermessen wirkt. "Der Weltrekord ist nicht unbedingt eines meiner Ziele, sondern eher einer meiner Träume", präzisierte sie. "Ich möchte mir keinen Druck machen. Ich möchte einfach Spass am Laufen haben und immer schneller werden."
Trotz ihres kometenhaften Aufstiegs sieht die Athletin des CA Belfaux ihr Potenzial noch nicht ausgeschöpft. Am Sonntag nun folgt ein Auftritt beim Diamond-League-Meeting in Paris, wo sie wie schon in Ostrava auf Femke Broeders-Bol trifft. Die Niederländerin, vergangenen September noch Weltmeisterin über 400 m Hürden, dürfte über 800 m ein ähnliches Niveau wie die Freiburgerin und Grossbritanniens Olympiasiegerin Keely Hodgkinson erreichen.
Der markante Leistungssprung von Audrey Werro ruft erwartungsgemäss auch Skeptiker auf den Plan. Die 22-Jährige zeigt dafür Verständnis, lässt sich davon jedoch nicht beirren. Es sei nachvollziehbar, dass bei einer derart deutlichen Verbesserung Fragen aufkämen, erklärte sie. Gleichzeitig verwies die Athletin auf die strengen Kontrollen im Schweizer Spitzensport. Die Dopingbekämpfung funktioniere auf hohem Niveau, Athletinnen und Athleten würden regelmässig überprüft. Für sie selbst gebe es deshalb keinen Anlass zur Sorge: "Ich bin mit mir im Reinen."
Den Grund für ihre Entwicklung sieht sie vor allem in den veränderten Rahmenbedingungen. Nachdem sie zuvor parallel zum Leistungssport die Matura abschloss, kann sie sich inzwischen vollständig auf die Leichtathletik konzentrieren. Der konsequente Fokus auf den Sport zahlt sich aus und spiegelt sich in ihren jüngsten Leistungen deutlich wider.