Pokerspieler oder Genie? Zwei Meinungen zu Nati-Trainer Murat Yakin
Zwei Spiele, vier Punkte, auf Sechzehntelfinal-Kurs: So lautet die WM-Zwischenbilanz der Schweizer Nati, die einem enttäuschenden Auftritt gegen Katar drei Zähler gegen Bosnien-Herzegowina folgen liess. In beiden Spielen im Mittelpunkt: Nationaltrainer Murat Yakin. Sind seine taktisch-personellen Entscheidungen genial oder doch eher von viel Glück begleitet? Unsere Redaktoren Andy Maschek und Patrick Y. Fischer sind sich nicht einig.
Andy Maschek sagt: Yakin hat ein aussergewöhnliches taktisches Gespür
Der Ball ist rund, das Spiel dauert 90 Minuten und elf Freunde müsst ihr sein. Es sind alte Weisheiten oder besser gesagt Floskeln, die man in Zusammenhang mit dem Fussball immer wieder hört. Doch sie sind zu banal für den Sport, der bisweilen auch ein Rasenschach ist, in dem kleine taktische Details am Ende eine grosse und entscheidende Wirkung haben. Das ist Chance und Gefahr zugleich, der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg ist teilweise extrem schmal.
Murat Yakin versteht es, sich auf diesem Grat zu bewegen. Und er hält an seinem Weg fest, auch wenn ein Experiment oder eine Massnahme mal schief geht – so wie an der WM 2022, als die Nati im Achtelfinal gegen Portugal mit 1:6 unterging. Doch Yakin bewies auch in der Folge immer wieder Mut und ordnete überraschende taktische Massnahmen an. Mut und taktische Kompetenz sind im heutigen Fussball für einen Coach zwei der wichtigsten Eigenschaften. Junge oder unerfahrene Spieler einzusetzen oder auch während eines Spiels das Spielsystem umzustellen sind diesbezüglich nur zwei Beispiele.
Taktisches Geschick, überraschende Schachzüge verschaffen in der Regel Vorteile. Und das ist auch bei Yakin so. Für die EM 2024 nominierte er überraschend Kwadwo Duah – und der dankte es mit seinem Treffer im Startspiel gegen Ungarn. An jenem Turnier gab Yakin ebenso unerwartet Michel Aebischer eine wichtige Rolle – und der Freiburger zeigte ein brillantes Turnier, spielte teilweise viel offensiver als sonst üblich, erzielte gegen Ungarn ein Tor und einen Assist und liess sich auch im Achtelfinal gegen Italien einen entscheidenden Pass notieren.
Gegen Bosnien-Herzegowina lief nun offensiv lange nicht viel. Alle warteten sehnlichst darauf, dass Yakin Wechsel tätigt und frische Kräfte bringt. Allen voran natürlich Shootingstar Johan Manzembi, aber auch Ruben Vargas, der nach dem Katar-Match aus der Startformation gefallen war. Für viele wartete Yakin mit dem Wechsel zu lange, doch es war nicht der Ausdruck von Ideenlosigkeit oder mangelnder Entscheidungsfreude, denn Yakin verfolgte damit einen Plan.
Der Trainer nutzte die fällige Trinkpause (oder modern: Cooling Break), die in der Hälfte jeder Halbzeit eingelegt wird, um seine entscheidenden Änderungen anzubringen. «Ich hätte schon früher wechseln können. Aber wir haben mit den Auswechslungen extra bis dahin gewartet, damit Bosnien nicht mehr darauf reagieren konnte», sagte Yakin später. Damit erwischte er die Bosnier auf dem falschen Fuss: Manzambi und Vargas stellten den bereits müden Gegner mit ihrem Tempo vor unlösbare Probleme und wurden zu den Matchwinnern. Manzambi erzielte beim 4:1-Sieg zwei Tore, Vargas war an allen vier Schweizer Treffern beteiligt.
Dieser Schachzug ist damit aufgegangen und setzte den Gegner matt. Die Kritiker konnten ihre Negativschlagzeilen löschen. Stattdessen geht dieser Match als weiterer erfolgreicher Schachzug Yakins in die Geschichte ein. Dass er teilweise als «Gambler» bezeichnet wird, stört Yakin, wie er vor der WM in einem Interview gestand. Taktikfuchs gefalle ihm besser. Er scheue kein Risiko, aber es stecke immer ein Plan dahinter. Yakin galt bereits in seiner Aktivkarriere als sehr spielintelligent. Und diese Fähigkeit, Spielsituationen zu lesen und zu analysieren, hilft ihm heute als Trainer. So überrascht er immer wieder die gegnerischen Trainer. Seine Schachzüge gehen nicht immer auf. Aber wenn sie funktionieren, können sie ein Spiel verändern. Dies hoffentlich auch am Mittwochabend im Spiel gegen Kanada, wenn es um den Gruppensieg geht.
Patrick Y. Fischer sagt: Yakins «Geniestreiche» sind eine Lotterie
Letzten Donnerstag war es wieder einmal so weit. Die Schweizer Nati siegte – auf nicht alltägliche Art und Weise – und der Tenor war schnell gefasst: Murat Yakin, der Mann mit dem goldenen Händchen, hatte erneut zugeschlagen. Doch wer die Lupe ansetzt, merkt schnell: Yakin ist kein visionärer Schachmeister. Er ist ein Pokerspieler, der regelmässig sehr Vieles auf eine Karte setzt – nicht immer mit dem gewünschten Ausgang.
Denn das Problem an Yakins Massnahmen ist, dass sie nicht nur den Gegner überraschen, sondern oft auch eigene Spieler und das Mannschaftsgefüge an Grenzen treiben. Mühsam erarbeitete Automatismen? Plötzlich über Bord geworfen oder leichtfertig aufs Spiel gesetzt, ein Muster, dass sich – Achtung, Ironie – wie ein roter Faden durch seine Trainerkarriere zieht. Nicht nur bei der Nationalmannschaft, sondern auch bereits während seiner Zeit bei GC oder Basel. Und wenn Yakin als Reaktion auf ein «vercoachtes» Spiel dann auf maximale Sicherheit setzt, tut er das so konsequent, dass sich seine Mannschaft im Anschluss fast schon selber im Wege steht. In Los Angeles ging das zuletzt gerade noch einmal gut, aber nur, weil ab der 70. Minute nahezu alles für Schweiz lief.
Nicht selten geht derlei taktisches Geplänkel aber auch schief. Dabei besonders negativ in Erinnerung: Der WM-Achtelfinal 2022 gegen Portugal, der mit 1:6 verloren ging. Zuvor hatte «Glückskind» Yakin nur einen gelernten Rechtsverteidiger in den Kader berufen (Silvan Widmer), der dann prompt krankheitsbedingt ausfiel. Als Reaktion setzte der Trainer auf den gelernten defensiven Mittelfeldspieler Edimilson Fernandes und – zum allerersten Mal in einem Pflichtspiel – auf eine Dreierkette in der Abwehr. Das Resultat war ein taktisches Chaos, das im Nachgang auch innerhalb des Teams für massiven Umut sorgte.
Doch eigentlich müssen wir gar nicht so weit zurückblicken, um weitere Beispiele für Yakins nicht immer überzeugendes Handeln zu finden. Das WM-Startspiel vor zehn Tagen, z.B., in dem Denis Zakaria plötzlich (und zum ersten Mal in seiner Karriere) als rechter Verteidiger einer Viererkette auflaufen musste. Oder der «Schachzug» mit Mittelstürmer Zeki Amdouni, der nach einem Kreuzbandriss auf dem linken Flügel den Vorzug gegenüber Noah Okafor erhielt, der zuletzt auf jener Position acht Tore in der Premier League erzielt hatte. Solche Entscheide sind nicht «genial» – sondern eher nicht nachvollziehbar.
Doch auch diese beiden Fehlgriffe hätte die Schweiz auf dem Weg zum 1:1 gegen Katar wohl «überlebt», hätte Yakin in der Schlussphase der Partie nicht noch einmal daneben gegriffen. Beim Stand von 1:0 in der 89. Minute wechselte er nämlich die beiden erfahrenen Defensiv-Stützen Ricardo Rodriguez und Remo Freuler aus – und brachte die WM-unerprobten Miro Muheim, Ardon Jashari und Johan Manzambi ins Spiel. Die Quittung folgte prompt: Sechs Minuten später sicherte sich Katar den ersten WM-Punkt seiner Geschichte.
Zuletzt, gegen Bosnien-Herzegowina, gingen Yakins taktische Winkelzüge wieder einmal auf. Und natürlich freue auch ich mich darüber, dass die Einwechslungen von Manzambi, Ruben Vargas und Djibril Sow der Schweiz drei wichtige Punkte brachten. Doch in einem Must-Win-Spiel das schleppende Offensivspiel erst ab der 70. Minute zu beleben, ist meiner Meinung nach eher fahrlässig als genial. Oder glauben Sie, dass an dieser WM viele Trainer am Start sind, die ohne Not darauf verzichten, die eigene Offensive bereits vor der Schlussphase neu zu beleben? Vielmehr hat der «Zocker» Murat Yakin wieder einmal darauf vertraut, am Ende das bessere Blatt in den Händen zu halten. Hoffen wir für die Schweiz, dass sein Glück als Pokerspieler ihm noch eine Weile treu bleibt.