Vor dem entscheidenden Gruppenspiel gegen Paraguay spricht Jackson Irvine über den überraschenden Sieg gegen die Türkei, die Entwicklung der Socceroos, seine Rolle im Team, den FC St. Pauli, Lionel Messi - und darüber, warum Australien oft über sich hinauswächst.
Sky Sport: Jackson, Australien ist mit einem Sieg gegen die Türkei perfekt ins Turnier gestartet, danach gab es die Niederlage gegen Gastgeber USA. Wie fällt Ihre Zwischenbilanz aus?
Irvine: Die erste Leistung war fantastisch, vor allem defensiv. Die Türkei ist mit grossen Erwartungen ins Turnier gegangen, mit einigen herausragenden Einzelspielern. Aber wie wir als Mannschaft verteidigt haben, besonders unseren Strafraum in der zweiten Halbzeit, war unglaublich.
Unser Torwart hatte ein fantastisches Spiel. Mit drei Punkten zu starten, ist natürlich der bestmögliche Auftakt. Das nimmt auch etwas Druck vor dem zweiten Spiel. Gegen die USA waren sie in den ersten 30, 40 Minuten wahrscheinlich besser, aber danach haben wir uns gesteigert. Unsere zweite Halbzeit war deutlich besser, wir haben gute Möglichkeiten kreiert. Insgesamt war es bislang ein ziemlich ausgewogener Auftritt von uns. Jetzt gehen wir mit einer sehr guten Chance ins letzte Gruppenspiel gegen Paraguay.
Sky Sport: Der Sieg gegen die Türkei war für viele eine Überraschung. Wie wichtig war es, gleich zu sehen, dass der Plan funktioniert?
Irvine: Sehr wichtig. Wobei wir schon in den Testspielen vor dem Turnier gute Zeichen gesehen haben. Gegen Mexiko und die Schweiz haben wir zwei starke Partien gemacht. Gegen Mexiko haben wir zwar 0:1 verloren, gegen die Schweiz unentschieden gespielt, aber das waren zwei Topgegner.
Der Sieg gegen die Türkei hat dann natürlich ein grosses Zeichen gesetzt und der Gruppe viel Selbstvertrauen gegeben. Wir überraschen bei Turnieren oft. In Katar haben wir Dänemark geschlagen, damals ein Top-Ten-Team. Wir finden immer wieder Wege, gegen die besten Mannschaften konkurrenzfähig zu sein. Genau das müssen wir auch gegen Paraguay wieder zeigen.
Sky Sport: Gegen Paraguay würde ein Unentschieden reichen, um Zweiter zu werden. Hat das Einfluss auf die Strategie?
Wir wollen immer gewinnen. Das ist unsere grundsätzliche Herangehensweise. In dieser Gruppe gibt es eine starke Gewinnermentalität.
Natürlich kann sich im Laufe eines Spiels etwas verändern, wenn man die Umstände kennt. Dann kann sich vielleicht auch die Herangehensweise etwas anpassen. Aber von Beginn an werden wir auf Sieg spielen.
Sky Sport: Es wäre erst das dritte Mal, dass Australien eine WM-K.o.-Runde erreicht. Wäre das schon ein Erfolg?
Irvine: Ich glaube, es wird inzwischen mehr und mehr erwartet, dass wir konkurrenzfähig genug sind, um die Gruppenphase zu überstehen. 2010, 2014 und 2018 sind wir jeweils in der Vorrunde ausgeschieden. In Katar sind wir weitergekommen, und hoffentlich gelingt uns das auch diesmal.
Aber das grosse Ziel vor diesem Turnier war, ein K.o.-Spiel zu gewinnen. Das ist der nächste Schritt für uns als Nationalmannschaft. Deshalb muss genau das unser Anspruch sein.
Sky Sport: Was ist mit dieser Mannschaft möglich?
Irvine: Wir haben eine sehr junge Gruppe. Ich glaube, wir hatten am ersten Spieltag sogar eines der jüngsten Teams des Turniers. Aber diese Spieler sind furchtlos. Sie spielen mit totalem Selbstvertrauen und grosser Freiheit.
Ich glaube nicht, dass es eine grosse Rolle spielt, gegen wen wir in der nächsten Runde antreten würden. Wir würden mit derselben Haltung ins Spiel gehen. Für mich ist es eine spannende Zeit, Teil dieser Mannschaft zu sein. Ich war bei einer Phase dabei, in der Fundamente gelegt wurden. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem die Erwartung da ist, den nächsten Schritt zu machen. Das ist grossartig.
Sky Sport: Immer wenn Australien die K.o.-Runde erreicht hat, waren Sie dabei - 2006 als Fan in Deutschland, 2022 als Spieler in Katar. Sind Sie Australiens Glücksbringer?
Irvine: Vielleicht. Wenn es diesmal wieder passiert, können wir das definitiv als Faktor etablieren.
2006 in Deutschland war eine der besten Erfahrungen meines Lebens. Ich war jung, Fan, ich habe Fussball geliebt. Diese Mannschaft waren meine Helden. Einige von ihnen waren zuletzt hier bei uns im Camp. Man tauscht Geschichten und Erfahrungen aus, das ist grossartig. Ich hoffe, dass wir nächste Woche wieder so eine Geschichte schreiben können.
Sky Sport: Sie hatten in der vergangenen Saison lange mit einer schmerzhaften Fussverletzung zu kämpfen. Wie geht es dem Fuss jetzt?
Irvine: Ich fühle mich im Moment so gut wie seit Monaten nicht mehr. Der Plan am Ende der Saison war, alles so zu steuern, dass ich St. Pauli im Kampf um den Klassenerhalt helfen und gleichzeitig für dieses Turnier bereit sein kann.
Das wurde sehr gut gemanagt. Mein Fuss ist stabil, und ich bin bereit zu spielen.
Sky Sport: Sie kamen in den ersten beiden Spielen von der Bank. Was steckt dahinter?
Irvine: Das war die Entscheidung des Trainers. Mathew Ryan und ich gehören wahrscheinlich zu den erfahrensten Spielern im Kader. Aber der Trainer hat sich für zwei junge Spieler entschieden, und sie haben es in beiden Spielen hervorragend gemacht.
Ich bin lange genug im Fussball, um zu wissen: Bei einem Turnier braucht man eine geschlossene Gruppe. Man braucht jeden Spieler. Im Moment gehört diese Position anderen Spielern, und ich habe eine andere Rolle. Ich versuche, der Mannschaft auf jede Weise zu helfen.
Sky Sport: Ihr Teamkollege Connor Metcalfe hat bereits getroffen. Wie sehen Sie seine Rolle?
Irvine: Sein Einfluss ist ähnlich wie bei St. Pauli. Er ist einer der beliebtesten Spieler im Team, eine fantastische Persönlichkeit. Aber er bringt auch grosse Qualität mit.
Er ist dynamisch, spielt mit viel Power, hat einen sehr guten Schuss und ist körperlich stark. Im ersten Spiel war er hervorragend, im zweiten kam er zur Halbzeit und war wieder sehr wichtig. Er war bislang ein grosser Faktor für uns und wird es auch bleiben. Ich wäre nicht überrascht, wenn er gegen Paraguay wieder in der Startelf steht.
Sky Sport: Sie beide mussten kurz vor der WM den Abstieg mit St. Pauli verarbeiten. Wie schwer war es, das abzuschütteln?
Irvine: Natürlich tut das weh. Und man trägt es mit sich. Wir sind am Samstag abgestiegen, Connor und ich sind am Dienstagmorgen zur Nationalmannschaft geflogen. Am Sonntag waren wir noch am Trainingsgelände an der Kollaustrasse, um Mannschaft und Staff zu treffen. Am Montag war frei, Dienstag ging der Flug.
Es blieb also kaum Zeit, die Emotionen wirklich sacken zu lassen. Man nimmt das mit. Aber hier zu sein, die positive Energie dieser Gruppe zu spüren, hat sehr geholfen, dieses Gefühl in etwas anderes umzulenken und sich auf das vorzubereiten, was als Nächstes kommt.
Sky Sport: Nach der WM geht es zurück nach Hamburg. Bleibt es dabei, dass Sie Ihren Vertrag erfüllen wollen?
Irvine: Ja. Ich habe nichts gehört, was etwas anderes nahelegen würde. Ich hatte Kontakt mit dem neuen Trainer Marcel Rapp, wir haben gesprochen, seit ich hier bin. Das ist aktuell weiterhin der Plan.
Sky Sport: Wie war der Kontakt mit Marcel Rapp?
Irvine: Es war ein bisschen von allem. Wir hatten ein gutes, längeres Gespräch. Eine erste Vorstellung, ein Kennenlernen als Menschen. Hoffentlich können wir eine starke Beziehung aufbauen, die dem Klub und der Mannschaft hilft.
Sky Sport: Zurück zur WM: Was waren für Sie bislang die schönsten Überraschungen?
Irvine: Es gab viele. Das Ergebnis von Kap Verde war aussergewöhnlich, Curaçao ist eine unglaubliche Geschichte. Auch Mannschaften, bei denen es nicht ganz gereicht hat, haben Eindruck hinterlassen. Neuseeland zum Beispiel, eines der am niedrigsten eingestuften Teams, hat über mehrere Spiele sehr gut gespielt.
Auch wir gehören mit dem Sieg gegen die Türkei sicher zu den Geschichten dieses Turniers. Und dann liefern die Topspieler ab. Messi mit einem Hattrick, dann wieder mit zwei Toren. Es ist einfach die WM. Vor dem Turnier gab es viele Diskussionen über äussere Faktoren, aber sobald der Fussball beginnt, kann man die Magie geniessen. Sie kommt immer im richtigen Moment.
Sky Sport: Sie haben Lionel Messi erwähnt - gigantisch!
Irvine: Meine Wahrnehmung von Messi ist eine emotionale. Es geht um die Freude, die aus seinem Spiel entsteht - und darum, wie seine Mitspieler mit ihm spielen.
Man kann über Millionen Dinge sprechen: seine Persönlichkeit, seine Bedeutung für den Fussball der letzten 20 Jahre. Es ist schwer, das überhaupt einzuordnen. Aber wenn man sieht, dass ein fast 39-Jähriger immer noch diese Freude daran hat, Tore zu schiessen, Fussball zu spielen und mit seiner Mannschaft auf dem Platz zu stehen, dann ist das besonders.
Viele reden darüber, wie er über den Platz geht, wie er sich bewegt. Am Ende geht es aber um die Liebe und Freude, die entsteht, wenn man ihm zusieht. Es wird ein trauriger Tag, wenn wir ihn nicht mehr sehen dürfen. Ich hoffe, wir bekommen noch ein bisschen mehr von ihm.
Sky Sport: Glauben Sie, dass es sein letztes Turnier ist?
Irvine: Nach Katar hätten das wahrscheinlich viele gesagt. Aber jetzt ist er wieder hier, bricht Rekorde und macht einfach weiter. Wer soll sagen, wo das endet? Wir sollten es geniessen, solange es dauert.
Sky Sport: Wer ist für Sie der Favorit auf den Titel?
Irvine: Die naheliegenden Namen sind Argentinien, Frankreich und England. England war sehr beeindruckend. Spanien hat eine fantastische junge Mannschaft mit erfahrenen Spielern dazu und hat in jüngerer Vergangenheit schon ein Turnier gewonnen.
Aber wenn man auf Argentinien und Frankreich schaut, haben beide etwas sehr Mächtiges. Frankreich mit seinen individuellen Stars, Argentinien mit Herz und Charakter. Für mich sind das die beiden herausragenden Teams.
Sky Sport: Haben Sie die deutschen Spiele verfolgt?
Irvine Ja, beide. Besonders beeindruckt haben mich die Einwechselspieler in beiden Partien. Genau das braucht man in einem Turnier: Spieler, die reinkommen und ein Spiel verändern können.
Vielleicht hat Deutschland noch nicht ganz das Niveau erreicht, das sie sich selbst wünschen. Aber es geht nicht darum, wie man ein Turnier beginnt, sondern wie man es beendet. Sie sind schon weiter, glaube ich, und haben noch Zeit, Dinge zu verbessern. Die Qualität ist überall im Team und auf der Bank enorm. Einige Spieler, von denen man erwarten würde, dass sie noch eine Rolle spielen, waren noch gar nicht auf dem Platz. Das wird spannend. Und wenn wir Dritter werden sollten, wäre Deutschland ein möglicher Gegner. Also werden wir genau hinschauen.
Sky Sport: Wie ist die Atmosphäre im australischen Camp? Stimmen die Klischees von den entspannten Jungs aus Down Under?
Irvine: Ja, diese Persönlichkeiten gibt es definitiv in der Gruppe. Es ist eine sehr entspannte Gruppe. Keine grossen Egos. Die Jungs wollen arbeiten, sie wollen erfolgreich sein, aber sie wollen auch lachen und eine gute Zeit haben.
Das ist eine gute Mischung mit unserem Setup. Unsere Organisation, das Coaching, die Arbeit in Sportwissenschaft, Fitness, Medizin - das ist das Professionellste, was ich je erlebt habe. Absolute Topstandards.
Wenn man diese Elite-Strukturen mit der flexiblen und offenen Mentalität der Spieler verbindet, versteht man vielleicht, warum wir oft über unser eigentliches Gewicht hinaus schlagen. Wir haben eine sehr gute Balance.
Sky Sport: Was kennzeichnet den Führungsstil von Trainer Tony Popovic?
Irvine: Er ist sehr fordernd. Die Trainingsstandards sind sehr hoch. Es gibt keine einfachen Tage. Wir machen viel Kraft- und Athletikarbeit und versuchen ständig, zusätzliche Prozentpunkte für unsere Leistung zu finden.
Dazu kommt viel Analyse, viel taktische und physische Vorbereitung. Es geht immer darum, höchste Standards einzufordern. Es ist anspruchsvoll und viel Arbeit, aber genau dieses Niveau wollen wir erreichen. Alle ziehen mit und wollen sich so weit wie möglich pushen.
Sky Sport: Wer ist der lustigste Spieler in der Gruppe?
Irvine: Connor ist definitiv weit oben. Er ist einer der Komiker der Gruppe. Und Harry Souttar auch, er hat einen sehr trockenen Humor. Ich würde sagen: die beiden.
Sky Sport: Sie sind in der Bay Area untergebracht. Konnten Sie etwas von San Francisco und der Umgebung sehen?
Irvine: Ein bisschen. Wir hatten ein paar freie Nachmittage, konnten mal einen Kaffee trinken und uns kurz umschauen. Nicht sehr viel, weil der Fokus natürlich auf der Vorbereitung liegt.
Wir sind eigentlich in Oakland, etwas ausserhalb von San Francisco. Die Gegend rund um Berkeley und die Universität ist wirklich cool. Sehr lebendig, offen, vielfältig. Das gefällt mir sehr, wie viele Leute wissen. Und es passt auch gut zu uns als Nationalmannschaft.
Wir haben die Unterstützung der Community gespürt. Überall sieht man australische Fahnen, viele Menschen stehen hinter uns. Es war ein fantastischer Ort für uns. Ich habe es sehr genossen.
Sky Sport: 48 Nationen, viele Diskussionen vor und während des Turniers: Fühlt sich diese WM trotzdem wie ein globales Fussballfest an?
Irvine: Das ist immer interessant. Vor Katar gab es ähnliche Gespräche, auch vor Russland. Meistens ist es so: Sobald der Fussball beginnt, wird der Fussball zur Hauptgeschichte. Genau in diesem Moment sind wir jetzt.
Natürlich wird es Geschichten geben, die man erzählen muss. Es wird Situationen geben, die wir als Fussballgemeinschaft analysieren müssen. Wir müssen fragen: Ist das die Art von Spiel, die wir haben wollen?
Aber im Moment ist der Fussball die Geschichte. Wenn sich der Staub nach dem Turnier gelegt hat, wird es viele Gespräche darüber geben, welchen Fussball wir wollen und welches internationale Spiel wir mit der Welt teilen wollen. Da werden einige schwierige Fragen zu beantworten sein.
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